Von Winfried Heger, Schul- und Gesamtleiter

Noch immer stehen wir fassungslos vor den Ereignissen von Winnenden und versuchen zu verstehen, was dort passiert ist: 15 Menschen werden von einem 17-jährigen ehemaligen Schüler kaltblütig ermordet, bevor er sich selbst richtet1.

Gemeinschaft, © CJD-UPDATE/A. BubrowskiFunktionierende Gemeinschaft ist gefordert. (*)

Der Boulevard schreibt inzwischen reißerisch über den „Amok-Killer“ (Bild), Medien und Politiker stehen mit sogenannten oder selbsternannten Fachleuten im Wettlauf um die Interpretations- und Deutungshoheit des grausamen Geschehens. Und wie so oft in solchen Fällen sind viele ganz flink mit Ratschlägen, wie ein solches Blutbad verhindert werden könnte, bei der Hand und haben Erklärungen über die Ursachen und Gründe parat.

Medien „murmeln“ , was ihnen so einfällt

In schnellen Schnittbildern von den Tatorten und mit vielen Fotografien und Artikeln „murmeln“ die Medien und vor allem das Fernsehen über alle Kanäle das, was ihnen zu diesem Mord gerade so einfällt. Ist das Problem aber wirklich so einfach zu lösen, indem man „Schulen zu Festungen“ umwandelt, Sicherheitsschleusen und Metalldetektoren an die Schuleingänge stellt und „Schüler in einem Hochsicherheitstrakt“ unterrichtet werden ? Wer das so und so eindringlich fordert, bleibt an der Oberfläche des Problems und bedient ein gefährliches Klischee von Schule.

Chrostophorusschule Oberurff, Winfried Heger, © CJD-UPDATE/A. BubrowskiSchulleiter Winfried Heger (*)

„Schulen sind verletzliche Institutionen“, schreibt Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung (13.3.2009) und trifft mit diesem Bild genau die Problemlage. Gerade wenn wir uns die schöne offene Schulanlage in Oberurff ansehen, dann wissen wir, dass wir nie in der Lage sein werden, selbst wenn wir es wollten, aus dieser Schule einen Hochsicherheitstrakt zu machen, der nach außen hermetisch abgeriegelt ist und zu dem der Zugang nur noch durch Sicherheitsschleusen und Metalldetektoren möglich ist.

Einen völligen Schutz kann es nicht geben, und jede Abwehrtechnik birgt die Gefahr, das Gefühl der Verletzlichkeit nur zu steigern, statt zu reduzieren.

Dieser Schlussfolgerung von Tanjev Schultz kann ich nur zustimmen. Daher muss der Versuch, einen solch schrecklichen Amoklauf wie jetzt in Winnenden zu verhindern, ganz anders ansetzen. Insbesondere wenn man inzwischen weiß, dass Amokläufe von Jugendlichen keine Kurzschlusshandlungen sind, wie der Göttinger Soziologe Sofsky behauptet, sondern Ergebnis einer inneren Verwandlung sind. Die Untersuchungen von Erfurt und Emsdetten geben einen wichtigen Hinweis darauf, wie die jungen Männer ihre jeweiligen Schulen wahrgenommen haben: „als Orte gewaltsamer Niederlagen“, wie Thomas Steinfeld ins seinem lesenswerten Kommentar im Feuilleton der FAZ (13.3.2009) schreibt.

Solche Niederlagen gibt es. Fast jeder kennt sie. Die allermeisten Menschen werden trotzdem nicht zu Gewalttätern. Und doch: wenn einer an seine Schule zurückkehrt, um «Rache» für die erlittene Schmach zu nehmen, dann muss das etwas miteinander zu tun haben.

Schule muss mehr sein als Unterricht

Damit wird deutlich: Entscheidend bei der erfolgreichen Prävention von Gewalttaten – welcher Art auch immer – an Schulen ist die Art, wie Schülerinnen und Schüler Schule für sich selbst erleben. „Schule muss mehr sein als Unterricht!“ Dieser Leitsatz, den wir hier für uns in Oberurff reklamieren, besticht in diesem Zusammenhang durch seine Triftigkeit. Er beschreibt das genaue Gegenteil einer Schule als Sicherheitstrakt und verweist auf das, was Schule sein muss: ein Ort, an dem Schüler Anerkennung erfahren können und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wachsen kann. Dabei kann Schule das Elternhaus nicht ersetzen, auch wenn vermehrt in Gesprächen mit Eltern zu spüren ist, dass Schule das auch sein soll. Schule ist kein Reparaturbetrieb für elterliche Erziehungsfehler.

Hlg. Christophorus, Dom zu Münster, © Andreas BubrowskiHlg. Christophorus – Lotse zwischen DUNKEL und HELL. (*)

Schule ist aber der Ort, an dem Kinder Mut entwickeln können, eigene Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Schule kann und soll der Ort sein, an dem Kinder ihre einzigartige Persönlichkeit zur Entfaltung bringen, eigene Stärken zu erkennen. Schule soll deshalb „Wegweiser“ sein, dass Kinder ihren Weg zu einem sinnvollen Leben finden, mitmenschliche Verantwortung übernehmen und Kompetenzen und Strategien entwickeln, mit Niederlagen und Aggressionen umzugehen.

Menschen – Geschöpfe Gottes

Schulen sind keine therapeutischen Einrichtungen! Dieser Feststellung kann man nur zustimmen. Doch wenn man von Schule spricht, spricht man vom Menschen. Und wenn man vom Menschen spricht, von jungen Menschen zumal, dann spricht man an einer CJD Jugenddorf-Christophorusschule wie bei uns in Oberurff von dem Menschen als einem Geschöpf Gottes. Und dieser Mensch lebt nicht allein, sondern im Miteinander mit anderen Menschen. Dies muss in unsere pädagogische Arbeit mit einfließen, indem wir die soziale Gemeinschaft fördern und in unser Handeln einbeziehen. Wir fördern daher die Gemeinschaft und die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen. Gemeinschaft entsteht nur in der aktiven Beteiligung. Sie verlangt den persönlichen Beitrag, damit Bindungen entstehen und ein Miteinander wächst.

Eltern haften für ihre Kinder. © Andreas BubrowskiFür Kinder haften heißt auch, für sie da sein. (*)

Darum ist uns die Mentorenarbeit so wichtig, deshalb wollen wir die Busmentoren fördern, aus diesem Grund bilden wir Streitschlichter aus. Wer in Gemeinschaft leben will, muss sich um den Anderen kümmern, muss Achtung vor ihm haben.

Und Jugendliche brauchen die Gewissheit, dass sich jemand tatsächlich für sie interessiert – für sie als Person, nicht als Fall. Sie fühlen sich schnell zurückgewiesen, gedemütigt, missachtet.“ (Schultz)

Wenn also Schule mehr ist als Unterricht, dann müssen wir sicherstellen können, dass wir jedem genügend Aufmerksamkeit und Anerkennung geben. Dies bindet Schule und Elternhaus in eine gemeinsame Verantwortung. Deshalb brauchen wir als Schule die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern. Deshalb müssen wir zusammen viel mehr voneinander wissen und miteinander reden.

Kultur des Hinschauens entwickeln

Dies alles ist sicher keine Garantie dafür, solche exzessiven Gewaltausbrüche wie in Winnenden zu verhindern. „Der Wahn totaler Prävention“ (FAZ, 14.3.09) entlarvt sich selbst, auch wenn „die Rede von den Zeichen, die man hätte erkennen müssen, … eine hohe Suggestivität (hat)“ (Bahners). Auch Zäune und Metalldetektoren lösen nicht das Problem. Ich freue mich, dass das auch von der Schulgemeinschaft so gesehen wird. Wir werden sicher die eine oder andere Anregung aufgreifen, zum Beispiel eine Lautsprecheranlage zu installieren. Kollege Niels Czypull arbeitet mit einer Projektgruppe intensiv an einem Notfallplan, der auch notwendig ist, damit sich alle in den entscheidenden Momenten richtig verhalten.

Hinschauen; © CJD-UPDATE/A. BubrowskiHinschauen! (*)

Wichtig ist, eine „Kultur des Hinschauens“ zu entwickeln, wie sie der Kinder- und Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann benennt. Das bedeutet aber nicht Denunziation – wohl aber sich zu kümmern, wenn Signale auffällig sind. Klassen-
gemeinschaften sind keine Selbst-
erfahrungsgruppen. Wie uns die Erfahrung lehrt, bergen sie in nicht unerheblichem Maße die Gefahr,  Mitschüler, die nicht im Trend schwimmen, „auszusortieren“ und links liegen zu lassen. In diesem Zusammenhang spielt das von den Schülern gern genutzte SchülerVZ hm.png im Internet manchmal eine von uns Erwachsenen unterschätzte, ungute Rolle.

Ja, in der Schule geht es oft ungerecht zu und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, löst sich von jedem Anlass und schafft manchmal selbst Anlässe. Die Vandalismusschäden in unserer Schule geben ab und an Zeugnis davon. Dennoch: dem Abdriften gefährdeter Personen vorzubeugen, schreibt Bahners in der FAZ am Samstag, wird Sache von Personen bleiben, die diese Personen kennen. Das sind in aller erster Linie Eltern, Lehrer, Mitschüler und Freunde.

Wichtig ist dennoch die Erkenntnis:

Die Gesellschaft kann nicht verhindern, dass ein Mensch sich an der Welt rächt, von der er sich gedemütigt glaubt (Bahners, FAZ, 14.3.2009).

Linksunten: Süddeutsche Zeitung: Der Amokläufer in uns hm.png

(*) Fotos/Zwischenüberschriften: Andreas Bubrowski

  1. Am Samstag, 21. März, zehn Tage nach dem Amoklauf, fand in Winnenden der zentrale Trauergottesdienst statt.