Mit einem Video aus der ersten Rockmusik-TV-Sendung IN FARBE

Zeitzeugen sind gerade gefragt. Ein Blick in die Vergangenheit kann helfen zu verstehen, was im Hier und Jetzt unbegreiflich scheint. Auch bei der Faszination Jugendlicher für elektronische Medien. Die ist eigentlich ein alter Hut, auch wenn Lehrer und Eltern heute oft so tun, als ob alles nur am „bösen“ Internet der Jetztzeit liegen würde.


Blackfoot Sue – Standing In The Road (1972)

Der Verfasser jedenfalls hat als Teenager eine Zeit lang mit viel Tricks zumindest versucht, für eine TV-Sendung die Schule zu schwänzen. Immer wenn die ZDF-Produktion DISCO im Samstag-Vor­mittag-Programm der ARD wiederholt wurde, mussten sich auffällig viele Schüler der achten bis zehnten Klassen seiner Schule nach Hause schicken lassen, etwa wegen plötzlicher Übelkeit.

Gar nicht genug bekommen können

Zumindest bis Mitte der 1970er Jahre haben DREI TV-SENDUNGEN regelmäßig Deutschlands Jugend vor den zumeist schwarz-weißen TV-Geräten, klobige, in die elterliche Schrankwand integrierte Kästen, virtuell vereint1: DISCO mit Ilja Richter (ZDF), BEAT-CLUB und dessen Nachfolger Musikladen (ARD) sowie HITS À GOGO (N32). Bevor diese Sendungen zum Ende jenes Jahrzehnts zu flachen Werbesendungen der Musikindustrie verkamen und schließlich eingestellt wurden, waren sie aufregende „neue“ elektronische Medien, von denen die Jugendlichen gar nicht genug bekommen konnten. Dabei ging es zwar sehr wohl um Spaß am Musikgenuss und die Eskapaden der Stars. Aber oft auch um den künstlerischen Ausdruck von Gesellschaftskritik.

Vor allem BEAT-CLUB und HITS À GOGO sorgten anfänglich immer wieder selbst im demokratischen Westdeutschland für öffentliche Aufregung. Um eine Ausstrahlung zu retten, griff man – wie im Video-Beispiel – schon mal zur Selbstzensur, und übersetzte die auf Nachfrage geäußerte, ungeschminkte Kritik eines Künstlers an den USA (ja auch damals, lange vor Snowden gab es das) einfach nicht ins Deutsche. Wenigstens für TV-Sendungen muss heute kein Schüler mehr die Schule schwänzen, dank Internet und Smartphone. Und Gesellschaftskritik? Das macht immer noch das Fernsehen. Etwa mit der HEUTE-SHOW. ANDREAS BUBROWSKI

  1. Im Osten überall dort, wo das „Westfernsehen“ empfangen wurde. Und zumindest die ARD kam fast überall an, außer im südöstlichen Winkel des Landes, das im Volksmund in Anpielung auf das Elbetal um Dresden herum deshalb mitleidig „Tal der Tränen“ genannt wurde.
  2. N3 – Symbol des gemeinsamen dritten Programms von Radio Bremen, NDR und Sender Freies Berlin, letzterer ist nach der Wende in den RBB aufgegangen.