Dramatische Schlagzeilen Mitte April: „Gut situiert, aber unglücklich“, so Süddeutsche Zeitung hm.png; „Erfolgreich, aber unglücklich“, bei tagesschau.de hm.png. „Lernen, lernen, lernen“ verlautet bedrohlich der SPIEGEL hm.png und lässt im Interview einen Soziologen, der das alles offenbar schon immer gewusst hat, eine gelehrte Begründung darlegen. Peinlich nur: die mutmaßlich richtigen Schlussfolgerungen und Erklärungen basieren auf falscher Voraussetzung.

Einmal weinend - immer weinend? Symbolbild. Foto: crimfants/Flickr
Einmal weinend – immer weinend? Keineswegs! Symbolbild. Foto: crimfants/Flickr

Also kein Grund zur Sorge. Unsere Jugend lebt im Großen und Ganzen lebensfroh und unbeschwert1. Zumindest EIN Journalist, der nicht nur etwas von seinem Fach versteht, sondern in der Schule auch Rechnen gelernt hat2, hat sich die UNICEF-Tabellen genau angesehen. Und dabei festgestellt: Ein Blick auf die Statistik entkräftet jede Empörung. Eine Betrachtung von Online-Redakteur Sebastian Ehlers.

Wir Unglücklichen

VON SEBASTIAN EHLERS

Vor geraumer Zeit erschien eine UNICEF-Studie mit dem Titel „Vergleichsstudie zur Lage der Kinder in Industrieländern“. Sie postulierte vorab die These, die deutsche Jugend sei, trotz ihres Wohlstands, in weiten Teilen unglücklich. Demzufolge sei die Bundesrepublik auf Rang fünf der Wohlstandsskala, aber „nur“ auf Rang 22 der Zufriedenheitsskala. Diese Einschätzung ist jedoch irreführend, wie eine Revidierung der Statistiken nun zeigt.

Die Studie an sich ist eine Kumulation verschiedener Einzelstudien zur Untersuchung des sogenannten „subjektiven Wohlbefindens“, und in diesen wird Deutschland stets und ausdrücklich oben auf der Skala angesiedelt. Betrachtet man die Ergebnisse europaweit, so liegt Deutschland noch immer auf dem fünften Platz. Diesen Platz nahm Deutschland auch bei der erstmaligen Erhebung vor 10 Jahren ein. So muss man sich nun die Frage nach dem Auslöser dieser regelrechten Hysterie stellen; denn sogleich wurden Stimmen wie die des Präsidenten des Kinderschutzbundes laut, der sagte, die Politik habe „komplett an den Kindern vorbeigearbeitet“. Folgt man entsprechenden Äußerungen in Politik, Medien und der Öffentlichkeit, so ergibt sich ein desaströses Bild vom „Morast der Wohlstandsverwahrlosung“.

Doch betrachtet man die scheinbare Bezugsquelle dieser Aussagen, so sieht man, dass diese Aufregung auf eine einzige Umfrage unter vielen zurückgeht, die in die Studie eingeflossen sind. In dieser Umfrage hatten Jungen und Mädchen im Alter von elf bis fünfzehn auf einer Skala von null bis zehn anzugeben, wie „zufrieden“ sie mit ihrem Leben sind. Die deutschen Kinder bzw. Jugendlichen setzten zu 84,2 Prozent ihr Kreuz in die obere Hälfte der Skala. Augenscheinlich ein Widerspruch zur öffentlichen Aussage. Mit diesem Endergebnis landete Deutschland auf dem vielzitierten Platz 22 im unteren Drittel der verglichenen Nationen.

Betrachtet man die Fakten einseitig, ist Platz 22 eine abgeschlagene Platzierung. Doch im Gesamt­kontext eine zweifelhafte Aussage zusammen mit dem Mangel an statistischer Relevanz. Wäre der Wert nur um zweieinhalb Prozentpunkte höher gelegen, befände sich Deutschland unter den zehn bestplatziertesten Nationen. Also ist ersichtlich, dass offenbar in Europa die Jugend durchaus glücklich ist, und Deutschland nur deshalb auf Rang 22 liegt, weil es lediglich ein marginale Differenz zwischen den Nationen gibt. Letztlich muss die Frage gestellt werden, ob eine Statistik jemals der Realität entsprechen kann, insbesondere bei subjektiven Komponenten. Leben wir denn die Statistik? Ist eine eindeutige Kategorisierung erforderlich oder überhaupt möglich? Eher nicht.

Linksunten: UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Industrieländern 2013 hm.png

(Teaser/Gestaltung: BUB)

  1. Ja, fast ZU unbeschwert. Nach neuesten Umfragen sind die meisten Jugendlichen fest davon überzeugt, einmal einen gut bezahlten und sicheren Job zu bekommen, was angesichts des unwägbaren Ausgangs der Wirtschafts- und Finanzkrise fast zu optimistisch erscheint. Unter 25 macht sich zudem kaum jemand Gedanken über seine Altersvorsorge.
  2. Martin Spiewak: Die Mär vom großen Unglück – Deutschlands Jugend fühlt sich recht wohl, Südeutsche Zeitung, 13. April 2013