Serie: Cyber cyber – Medienwelten Jugendlicher

Kraftfeld aktiviert! Der Vater drückt vor dem Schlafengehen auf den Knopf der häuslichen Alarmanlage. Das System bestätigt: Alles sicher jetzt. Möglicherweise ein fataler Irrtum. Denn es kann sein, dass ein „guter Freund“ der – angenommen – zehnjährigen Tochter in ihrem Zimmer an ihrem Computer gerade in einem Chat darauf drängt, das Kind möge als Vertrauensbeweis ein paar freizügige Fotos senden. Oder Schlimmeres. Solche „Freunde“ sind meistens Männer in mittleren Jahren oder älter.

Schüler der AG ONLINE-REDAKTION (Weblog AG). Erkennen und Handhaben von Gefahren aus dem Internet, wie Cyber-Grooming, gehört zur Agenda der Lehr- und Trainingsinhalte des AG-Angebotes. (*)

Sie sind Täter, die sich mit falschen Identitäten vor allem in solchen Chat-Rooms einschleichen, in denen vornehmlich Kinder und jüngere Jugendliche unterwegs sind, etwa Knuddels.de. Die Täter nennen diese Praxis „Frischfleisch ziehen“. Eine für Familien mit Kindern unverzichtbare Dokumentation des ZDF deckt sachlich das Gefahrenpotenzial auf und probiert nützliche Hinweise zur Prävention.

Für Eltern ist es kaum vorstellbar…

Auszug aus der Programminformation des ZDF zur Dokumentation1 Gefährliche Freunde:

Cyber-Grooming: Täter haben heute einen direkten Draht ins Kinderzimmer. Für Eltern ist es kaum vorstellbar, welchen Anwürfen bis hin zu massiven Drohungen Kinder im Chat ausgesetzt sind.

Nur wenige Tage noch ist die Dokumentation in der Mediathek des ZDF verfügbar. Die Dokumentation sollten sich alle Familien mit Kindern vor allem im prä-pubertären Alter downloaden, gemeinsam mit den Kindern anschauen und in aller Ruhe und Ausführlichkeit diskutieren. Das Besondere der ZDF-Doku lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Warnung vor „kindgerechten“ Internetangeboten

    Endlich wird öffentlich benannt, was längst (allen) klar sein müsste: mutmaßlich kindgerechte Internetangebote sind im Wesentlichen mit den gleichen Risikofaktoren für die Privatsphäre der Kinder behaftet wie alle anderen Internetangebote auch. Soweit es sich bei den Angeboten um Chat-Rooms handelt, sind die Risiken sogar erhöht. Denn so genannte pädosexuelle Täter können sich hier sozusagen menügeführt genau ihre „Zielgruppe“ auswählen, sich über falsche Profile potenziellen Opfern nähern. Und das weitgehend ungehindert.

  2. Sehen, wie es geht

    Das Filmteam begleitet eine süddeutsche Polizeibehörde bei einer Operation zur präventiven Aufdeckung von Straftaten in „kindgerech­ten“ Chat-Rooms. Mit Hilfe eines virtuellen neunjährigen Mädchens, durchschnittlich naiv und offenherzig, wird beobachtet, wer sich so alles meldet und wie. Obwohl die „Neunjährige“ – in Wirklichkeit ein Kriminalbeamter in den 50zigern – immer wieder gespielt einwendet, sie sei doch erst neun, kommen binnen kurzer Zeit zahlreiche eindeutige Suggestionen an, etwa den Schlafanzug auszuziehen…

  3. Grenzen der Justiz erkennen

    Von über 100 potentiellen Straftaten können im Laufe der Operation nur knapp 20 zur Anzeige gebracht werden. Grund: Die Absicht des Missbrauchs Minderjähriger ist nicht strafbar. Da die virtuelle Neunjährige der Polizei kein reales Kind war, kann kein Straftatbestand geltend gemacht werden. So wird ein Leipziger Dreißigjähriger zwar anonym gefilmt, wie er 400 km nach Bremen fährt, um die Neunjährige auf einem Feldweg zu treffen. Doch am Ende fährt der potentielle Täter unbehelligt wieder nach Hause…

Kritik:

Während das Informations- und Aufklärungspotenzial der Doku unüber­trefflich ist, wird dem Bedarf der nun vermutlich aufgerüttelten Eltern an Antworten auf die Frage „WAS TUN?“ weitgehend NICHT entsprochen. Etwa ausgerechnet einen von FACEBOOK als Programmierer beschäftigten Pädagogen um Rat zu fragen, wirkt wie ein schlechter Witz und erinnert an das Gleichnis des Volksmundes vom Bock, der zum Gärtner gemacht wird. Die offensichtliche Ratlosigkeit der Doku-Macher sollte umso mehr Ansporn für alle am Erziehungsprozess beteiligten Erwachsenen sein. Nicht um bei uns – wie eine Mutter im Film sich wünscht – US-amerikanisches Strafrecht einzuführen, um die „Bösen“ zu jagen, sondern um sich noch mehr darum zu kümmern, wie und wo unsere Kinder im Internet unterwegs sind. WIR haben letztlich die Verantwortung.

Linksunten:

ZDF Info: Gefährliche Freundschaften hm.png

ZDF-Download: Gefährliche Freundschaften hm.png

(*) Text/Bild: Andreas Bubrowski

  1. Die Doku GEFÄHRLICHE FREUNDE liegt als Privatmitschnitt vor.