ERLEBNISBERICHT VON VON ARIELLA WEIDEMEIER

Mauerpower. Foto: privat

Berlin im Juni 2019 – Nichts als eine Abschlussfahrt des zehnten Jahrgangs. Oder lieber doch Abschussfahrt? Jeder Schüler, der bis zur Zehnten nach Oberurff gegangen ist, hat Berlin miterlebt. Je nachdem, wie man als Mensch tickt, kann diese Jahrgangsfahrt komplett unterschiedlich aussehen. Ich hoffe, ich kann im Folgenden einen Einblick in die verschiedensten Möglichkeiten, wie man diese Absch(l)ussfahrt verbringen kann, geben.

Klingelhöferstraße, 10785 Berlin

Sonntagmorgen früh aufzustehen, das ist nichts als eine Qual, aber für ungefähr 120 Schüler sah am 10. Juni genauso der Tag aus, denn wir mussten bereits gegen acht Uhr an der Schule sein, sodass die Koffer eine Viertelstunde später in die beiden Busse verladen werden konnten. Auch wenn manche Schüler nicht mitfahren konnten, standen einige davon morgens extra für ihre Freunde an der Bushaltestelle, um ihnen eine schöne Fahrt zu wünschen. Als dann endlich alle Koffer verladen waren, man sich von seinen liebsten Eltern verabschiedet hatte und alle in den Bussen saßen, konnten wir endlich losfahren.

Im Bundestag. Foto: D. M.-Maguhn/CJD Oberurff

Die Fahrt verging an sich wie im Flug. Naja zumindest, bis wir eine einstündige Pause auf einem Rastplatz machten, der aussah wie eine post-apokalyptische Landschaft nach einer Atombombe. Trostlos. Eine gute Sache hatte dieser Rastplatz zwanzig Minuten vor Berlin jedoch: Es gab eine deutsche Filiale eines amerikanischen Schnellrestaurants, was wohl die meisten Schüler glücklich machte. Als wir dann endlich weiterfuhren, hatten wir nur noch eine halbe Stunde Fahrt, bis wir am Hotel ankamen: das Aletto Hotel Kudamm, direkt am Bahnhof Zoo. Oh, namenstechnisch zeugte das von Qualität. Wir mussten möglichst schnell die Koffer aus den Bussen holen, denn man durfte dort eigentlich gar nicht parken. Vor dem Hotel bekamen wir die Schlüsselkarten für unsere Zimmer, die letztlich auf alle Stockwerken verteilt waren. Auf jedem Stockwerk gab es 34 Zimmer auf einem gefühlt ewiglangen Flur. Aber alles war sauber und ordentlich. Die Zimmer waren vielleicht nicht sehr groß, aber meines, was ich mit fünf anderen Mädchen teilte, hatte immerhin zwei Bäder, eines mit Dusche und eines mit Toilette. Das war nicht gerade unpraktisch, wenn man mit so vielen Mädchen ein Zimmer teilt. Und das Beste war vielleicht sogar die Klimaanlage, die bei Höchsttemperaturen von 34 Grad während der Woche lebensrettend war. Wenn man den ganzen Tag bei der Hitze draußen unterwegs sein musste, war die Kälte im Zimmer erlösend.

Am Brandenburger Tor. Foto: privat

Meine Klasse hatte ungefähr eine Stunde Freizeit, bevor wir mit unserem Klassenlehrer Daniel Klingelhöfer eine (ziemlich chaotische) Stadterkundung machten. Wir fuhren mit der U-Bahn nach Kreuzberg, wo noch eine riesige Menschenmenge die Straßen unsicher machte. Am Mittag hatte dort das ‚Festival der Kulturen‘ gestartet und deshalb floss dort auch sehr viel Alkohol, Menschen feierten mit Metal, das von einer Band auf einer rollenden Bühne gespielt wurde, während sich meine Klasse irgendwie durch die Massen drängte. Wir liefen von einer U-Bahn-Station zur nächsten, von wo wir eigentlich zum Brandenburger Tor fahren wollten. Aber sagen wir mal so: Wir sind dort an diesem Tag nie angekommen, weil wir irgendwie immer in die genau entgegengesetzte Richtung liefen. Danke dafür, Herr Klingelhöfer! Immerhin sind wir Ihnen immer ganz treu und brav gefolgt. Abends verbrachten wir die Zeit noch auf der Dachterrasse oder einige gingen direkt auf ihre Zimmer, um sich dort für den nächsten Gewaltmarsch auszuruhen.

Klingelhöferstraße in Berlin

Am nächsten Tag sollten wir bereits um neun Uhr vor dem Hotel sein, damit wir anschließend mit einem Bus zur Gedenkstätte des Deutschen Widerstands fahren konnten. Auf dem Weg kreuzten wir die Klingelhöferstraße, über die sich unser Klassenlehrer sehr freute, verständlicherweise. Im Museum verbrachten wir dann drei Stunden. In diesen drei Stunden hörten wir uns zuerst einen Vortrag an, den ich jedoch nicht allzu gut fand. Aanschließend sollten wir in Dreiergruppen ein Thema aus der Ausstellung wählen und dieses nach einer dreiviertel Stunde Bearbeitungszeit den anderen vorstellen.

Endlich am Brandenburger Tor

Am Nachmittag hatten wir dann bis zum Klassenabend Freizeit. Das Problem war, das kaum ein Geschäft geöffnet hatte, weil Pfingstmontag war. Ich hatte jedoch die Möglichkeit, meine ehemalige französische Austauschschülerin zu treffen, die einen dreimonatigen Aufenthalt in Berlin machte. Gemeinsam mit einer Freundin aus meiner Klasse erkundeten wir Berlin, sie zeigte uns die Gegend rund um den Alexanderplatz und ich hatte endlich auch die Möglichkeit, das Brandenburger Tor zu sehen. Als sich meine Austauschschülerin auf den Heimweg begab, fuhren wir beiden anderen zurück. Im Hotel konnten wir eine Verschnaufpause im gekühltem Zimmer machen, bevor wir mit Herrn Klingelhöfer erneut nach Kreuzberg fuhren, dort in einem italienischen Restaurant zu Abend aßen, was meiner Meinung nach sogar ziemlich gut war. Anschließend fuhren wir noch ans Spreeufer, wo wir in einer Strandbar im abendlichen oder beinahe nächtlichen Berlin den Abend ausklingen lassen konnten.

Über dem Bundestag. Foto: privat

Am nächsten Tag hieß es erneut früh aufstehen, denn auf dem Plan stand ein Besuch des Bundestags mit dem ganzen Jahrgang. Nach einer sehr gründlichen (und auch nützlichen) Sicherheitskontrolle konnten wir das wichtigste politische Gebäude unseres Landes betreten. Dort saßen wir auf den Tribünen des Plenarsaals und hörten der liebsten Frau Sonne (sie machte an diesem Tag ihrem Namen ja alle Ehre, wie sie schön sagte) zu, wie sie über verschiedene Verfahren von Abstimmungen, die Sitzordnung oder auch Veranstaltungen für Jugendliche sprach. Anschließend fuhren wir mit einem Gruppenaufzug auf das Dach des Reichstags, verbrachten dort eine halbe Stunde und konnten uns die Kuppel ansehen, die durch die Sonne ziemlich aufgeheizt wurde. Anschließend machten wir ein Klassenfoto und verließen dann dieses eindrucksvolle Gebäude.

Da wir zwei Tage zuvor nicht die Möglichkeit hatten, liefen wir den nicht allzu weiten Weg zum Brandenburger Tor. Herr Klingelhöfer lief schnellen Schrittes durch das immer heißer werdende Berlin. Er zeigte uns noch das Holocaust-Denkmal mit all den vielen Stelen. Von dort aus konnten wir hingehen, wohin wir wollten, denn wir hatten bis 18 Uhr wieder Freizeit. Ich verbrachte die Zeit mit zwei Freundinnen zuerst in der Mall of Berlin und fuhren dann gemeinsam zurück. Sie gingen dann aber noch ins KaDeWe (Kaufhaus Des Westens), das größte Einkaufszentrum Europas. Ich kehrte jedoch ins Hotel zurück, wo ich Zeit mit Freunden aus der Parallelklasse verbrachte, bevor wir gemeinsam zum Schloss Bellevue fuhren. Sie gingen bereits vor zum Bootsanleger, denn Plan für den Abend des Dienstags war eine anderthalbstündige Schiffsfahrt durch Berlin. Meine Klasse traf sich vor dem Schloss Bellevue und wir hatten beinahe die Chance, den Kronprinzen von Abu Dhabi zu treffen, doch drängte der Termin der Bootsfahrt. Mit der Bootsfahrt in der untergehenden Sonne endete zumindest der Abend gemeinschaftlich. Denn die meisten anderen unternahmen in ihren Freundesgruppen noch etwas, so auch ich. Doch um elf sollten alle spätestens im Hotel sein. Und so war ein weiterer Tag geschafft.

Echt nicht schlecht und sogar ziemlich interessant

Mittwoch stand der Besuch im Bundesministerium für Verteidigung an. Man stelle sich den ganzen zehnten Jahrgang vor, wie immer sieben Schüler hintereinander und ganz viele Reihen nebeneinander in der unerträglichen Hitze standen und Feldjäger uns kurz die Regeln für den Aufenthalt erklärten und uns danach in zwei Gruppen aufteilten. Jeder wurde einzeln beim Nachnamen nach vorne gerufen und musste sich ausweisen. Anschließend hatten wir einen Vortrag bei einem Soldaten, der uns erst eine kurze Einführung gab, nach einer Getränkepause, die vom Haus gesponsert wurden, und dann unsere Fragen zu verschiedenen Themenbereichen beantwortete. Ich fand das echt nicht schlecht und sogar ziemlich interessant. Danach hatten wir wieder Freizeit und ich fuhr mit den zwei Mädchen aus meiner Klasse zum Alexanderplatz. Wir aßen da lecker zu Mittag und machten wieder eine kleine Shoppingtour. Abends waren wir mit der ganzen Klasse im Mauermuseum Bernauer Straße. Danach wollte ein Teil der Klasse ins Freibad, welches jedoch aufgrund des Orkans frühzeitig schloss. Das war ein Wetter! Später im Hotel spielten wir mit Herrn Klingelhöfer im Keller des Hotels im Speisesaal noch eine Runde Werwolf, bevor wir auf unsere Zimmer geschickt wurden, weil der nächsten Tag sehr anstrengend sein würde.

Berlinselfie. Foto: D. M-Maguhn/CJD Oberurff

Denn am Donnerstag waren als Schwerpunktthemen Holocaust und die Stasi vorgesehen. Zuerst besichtigten wir die Ausstellung des Holocaust-Denkmals. Eine sehr interessante Ausstellung, die Geschichten verschiedener jüdischer Familien aus ganz Europa erzählte. Außerdem wurden die bekanntesten Vernichtungslager näher erläutert. Nach ein wenig Freizeit fuhren wir dann anderthalb Stunden zum Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Wir sahen uns eine zwanzigminütige Dokumentation als Einführung an, bevor uns ein ehemaliger Häftling die Anstalt zeigte. Ich fand das unsagbar interessant, aber auch erschreckend, wie die Stasi mit den Häftlingen umgegangen ist. Auf dem ganzen Gelände herrschte eine sehr erdrückende, belastende Stimmung, die sich selbst mit den kleineren Witzen unserer Führung nicht verbesserte. Der Abend stand uns jedoch frei zur Verfügung, denn die Lehrer hatten einen Abend für sich allein. So unternahm ich was mit den Jungs aus der Parallelklasse. Schnell war auch die bedrückende Stimmung durch das Gefängnis verflogen und wir hatten einen netten und entspannten Abend.

Aber entspannt war der nächste Tag definitiv nicht. Morgens stand meine Klasse relativ früh auf, da wir zum Badeschiff fuhren. Es war echt super, die Atmosphäre war locker. Dort verbrachten wir etwa zwei Stunden, bevor wir schnell zurück zum Hotel fuhren, zehn Minuten Zeit hatten, um vom Bahnhof zum Hotel und von dort aus zurück zum Bahnhof zu laufen. Wir zogen uns schnell schwarze Klamotten an, denn für später stand Lasertag an. Wir bekamen eine Einführung und schon ging’s los. Es war ein actiongeladenes Spiel, das nichts als ein einziger Adrenalinkick war! Wir hatten die Halle komplett gemietet und konnten drei Stunden so oft spielen, wie wir wollten. Doch war das so anstrengend, dass man oft zwischen den einzelnen Runden eine Verschnaufpause brauchte. Aber es machte unsagbar Spaß und ich würde es gerne wieder machen. Abends ging meine Klasse noch in den Quatsch Comedy Club, was ich jedoch nicht mehr mitmachte, weil ich körperlich am Ende war und meine Ruhe benötigte. So hatte ich Zeit, meinen Koffer zu packen und ein wenig aufzuräumen, bevor ich ins Bett ging und nicht mehr mitbekam, wann meine Klassenkameraden zurückkamen. Ich könnte die Geschichten wiedergeben, die mir über den Abend erzählt wurden, aber das würde ewig dauern. Was ich aber sagen kann, ist, dass sie erst sehr spät wiederkamen.

Für manche war es ein Abschied für immer

Am nächsten Tag ging’s dann zurück und eine wunderbare Zeit ging zu Ende. Für manche war es ein Abschied für immer, denn es war der letzte Tag, an dem es unseren Jahrgang so gab, denn die Realschüler würden hiernach nicht mehr zur Schule kommen. Mein Fazit? Es war besser, als ich es erwartet habe. Ich habe neue (alte) Freunde gefunden und es gab keinerlei Probleme. An dieser Stelle wäre vielleicht noch ein „Danke“ angebracht. Ein Danke an alle, die diese Fahrt so gut organisiert haben und immer da waren, wenn etwas war. Danke, Frau Heer, Herr Klingelhöfer, Frau Stelling, Herr Michel, Herr Müller-Maguhn, Herr Fleck und natürlich unserem Schulleiter Herrn Koch, der auch mit dabei war! Danke, dass Sie uns allen so viel Freiheiten gelassen haben und uns so vielleicht noch einmal von einer anderen Seite kennengelernt haben. Und Danke für mindestens drei Jahre des Klassenlehrerseins. Es war eine tolle Zeit und ich denke, ich spreche für alle, wenn ich sage, wie dankbar wir Ihnen sind. Danke und verändern Sie sich nicht! So sind Sie ganz Sie selbst. Nur die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin sollten mal überarbeitet werden.

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)