Schule

Schulgemeinschaft trauert um ehemaligen Schulleiter Winfried Heger

Winfried Heger (1949 - 2017) | Bild: Andreas Bubrowski/CJD Oberurff
Winfried Heger (1949 – 2017)

Im Dezember 2014 wurde der damalige Schulleiter Winfried Heger gemeinsam mit zwei Kollegen von der Schulgemeinschaft des CJD Oberurff feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Nur eine kurze Zeit war es unserem ehemaligen Chef und geschätzen Kollegen vergönnt, seinen wohl verdienten Ruhestand zu genießen. Letzten Mittwoch ist Winfried Heger gestorben. Die Schulgemeinschaft ist zutiefst betroffen und erfüllt von Mitgefühl für die trauernden Angehörigen. Als Winfried Heger 2003 die Schulleitung übernahm, ahnte er sicher nicht, dass er als Kapitän den Dampfer „CJD Oberurff“ durch stürmische und nicht ganz klippenfreie Bildungsgewässer des Übergangs und diverser Paradigmenwechsel würde führen müssen. Im Februar 2013 gewährte Winfried Heger den in der damaligen WEBLOG AG engagierten Junior-Onlineredakteuren ein Interview. Dabei erwies sich Heger als Mensch mit ausgesprochenem Humor, verbunden mit der Fähigkeit zur Selbstironie.

Persönliche Erinnerung an einen „bemoosten Karpfen“

INTERVIEW: Emma Gioia-Ludwig, Finnja Koch, Antonia Lange

Im ersten Teil des Interviews ging es um die bevorstehende Einführung von Eternsprechtagen – damals schulintern ein Politikum und unter den Lehrern ein eher ungeliebtes Ereignis. Im zweiten Teil des Gesprächs ließ Winfried Heger auch persönliche Fragen der Schüler zu. Dabei bekannte er, zur Generation der „bemoosten Karpfen“ zu gehören und begründete in einer spannenden Erzählung seine Abneigung gegenüber Waschbären. Der Teil des Interviews sollte eigentlich anlässlich der Verabschiedung Hegers in den Ruhestand veröffentlicht werden, was aber dann im Trubel des Schulalltags unterging. Spät, in gewisser Weise leider ZU SPÄT, mag das Gespräch jetzt dazu dienen, einen lieben, gutherzigen Menschen in lebendiger Erinnerung zu halten.

Winfried Heger im Interview | Bild: Andreas Bubrowski/CJD Oberurff
Winfried Heger im Interview.

CJD-UPDATE: Was war Ihr Spitzname als Jugendlicher?
Winfried Heger: Ich hatte keinen Spitznamen … Doch! In der Schule haben sie mich Boni genannt. Das hatte aber einen einfachen Grund. In meiner Klasse gab es einen Wilfried und ich heiße WINFRIED mit Vornamen. Da haben die Lehrer sich immer schwer damit getan, das auseinanderzuhalten. Und da kam mein Klassenlehrer damals auf die Idee, dass der Wilfried WILFRIED hieß, und – mein Name Winfried kommt aus dem Lateinischen und heißt Bonifatius – mein Rufname Boni wurde.

Was können Sie besonders gut?
Das weiß ich nicht. Das müssen andere beurteilen. Das wüsste ich auf Anhieb nicht zu sagen.

Was können Sie nicht so gut?
(Nachdenklich) Was kann ich nicht so gut… BÜGELN mache ich sehr ungern. Es gibt zwei Dinge, die ich im Haushalt nicht kann, Bügeln und Waschen. Aber ich bin ganz stark im Fensterputzen.

Das erste Mal verliebt, wann…?
Das erst Mal verliebt war ich in eine Klassenkameradin. Wann war das…? 1966! Beim Tanzkurs.

Das letzte Mal gelogen haben Sie… (kleine Alltagslüge)?
Ich lüge andauernd. (Lacht) Indem ich das jetzt sage, habe ich schon wieder gelogen. (Nachdenklich) Als Schulleiter lügt man nicht.

Winfried Heger nahm sich stets Zeit - für „seine“ Schüler | Bild: Andreas Bubrowski/CJD Oberurff
Winfried Heger nahm sich stets Zeit – für „seine“ Schüler.

Wo würden Sie gern einmal hinreisen, wo Sie noch nicht waren?
In meinem Alter … Ich habe gestern gelernt, dass ich zur Generation der „bemoosten Karpfen“ gehöre … (nachdenklich) Neuseeland steht bei mir schon länger auf der Liste. Nachdem Frau Bick so schön davon erzählt hat, könnte ich mir vorstellen, einmal dorthin zu reisen.

Was meinten Sie mit bemoosten…?
Weißt du was das ist, ein bemooster Karpfen? Ein bemooster Karpfen ist ein Fisch, die liegen unten im Teich, unten im Schlamm, und je älter die werden, da bekommen sie hinten auf dem Rücken so richtig schönes Moos. Es heißt, ein bemooster Karpfen ist ein alter Karpfen. Mit meinen fast 64 Jahren bin ich ein alter, bemooster Karpfen. Von der Redewendung habe ich gestern im Radio gehört.

Hört sich fast etwas deprimierend an, andererseits so einen jagt man nicht mehr.
(Lachend) Genau, so ein Fisch schwimmt ruhig seine Bahnen, den fischt man auch nicht mehr weg. Den lässt man einfach schwimmen.

Einen lieben, gutherzigen Menschen
in lebendiger Erinnerung halten

Was war Ihr größter Triumph?
Worüber ich mich sehr gefreut habe ist, dass wir solche Geschichten hinbekommen haben wie die Cafeteria, die P-Räume und das Bio-Haus, das wir momentan auf dem guten Weg sind, das ganze naturwissenschaftliche Gebäude neu zu machen1, und wir uns gestern in der Nähe von Melsungen eine Turnhalle angeguckt haben. Denn es ist interessant eine neue Turnhalle zu bauen, weil unsere inzwischen sehr alt und renovierungsbedürftig ist. Da hat uns die Zentrale des CJD gesagt, überlegt mal, ob ihr das nicht neu bauen könnt. Auf das alles bin ich sehr stolz.

Fragen & bedachte Antworten | Bild: Andreas Bubrowski/CJD Oberurff
Fragen & bedachte Antworten.

Was ist Ihre größte Angst?
Meine größte Angst war letztes Jahr im Oktober, als ich einen Herzinfarkt hatte. Da habe ich mit einem Mal gemerkt, dass das Leben sehr kurz sein kann. Und damit verbunden die Angst, nicht mehr richtig auf die Beine zu kommen. Ich hatte viel Glück dabei und alles ist wieder gut. Aber das ist doch eine Situation, wo man Angst hat.

Wenn Ihr Leben verfilmt werden würde, wie sollte der Film heißen?
Die Erinnerungen eines bemoosten Karpfens.

Ihr Lieblingstier?
Mein Lieblingstier ist absolut der Rauhaardackel.

Ihr Hass-Tier?
Da muss ich überlegen… Kein Hass-Tier. Aber Tiere, auf die ich nicht gut zu sprechen bin, sind Waschbären. Die sehen putzig aus, aber da hatte ich folgendes Erlebnis. Ich werde einmal nachts wach und höre draußen im Garten Geräusche. Ich habe dort einen schönen Pflaumenbaum, mitten im Garten. Ich hatte in diesem Pflaumenbaum Futterkästen aufgehängt, für Vögel. Nachts werde ich also wach und höre diese Geräusche, gucke aus dem Fenster in den Garten, und sehe, dass unter dem Pflaumenbaum zwei Waschbären sind. Und was mich stutzig machte war, dass die Waschbären erwartungsvoll nach oben geguckt haben. Was war passiert? Der dritte Waschbär war in den Pflaumenbaum gegangen, saß oben auf dem Ast und hatte die ganzen Futterkästen mit dem Vogelfutter ausgekippt. Und unten die standen und warteten, dass das Essen von oben herunterkommt (Lachen in der Runde). Das Geräusch, das ich gehört hatte war, als der dritte dann herunterkam und auch was zu Fressen haben wollte, da haben sich die drei dann ums Fressen gebalgt. Das müssen wohl drei Geschwister gewesen sein. Seit der Zeit habe ich kein Futter mehr für die Vögel ausgehängt. Das Ganze ist mir nämlich zwei Mal passiert. Ich wusste, dann kommen die beim dritten Mal auch wieder. Seit der Zeit mag ich keine Waschbären.

Vielen Dank, Herr Heger.
Ich danke euch, ihr habt tolle Fragen gestellt.

Fotostrecke zur Erzählung von den drei Waschbären

Zeiten des Übergangs und diverser Paradigmenwechsel

Etwa 10 Jahre lang war Winfried Heger Gesamtleiter des CJD Oberuff. Dabei galt es immer wieder, Entscheidungen zu fällen, bei denen zwischen dem Bewahren von Traditionen und dem sich Öffnen gegenüber Neuem zu entscheiden war. Nachfolgend drei Beispiele2, wie das Wirken Winfried Hegers der Schule wichtige Alleinstellungsmerkmale erbracht hat. Zahlreiche weitere ließen sich nennen.

  • G8 vs. G9: Die Bildungspolitik hatte erst das G8-Abitur erfunden, es mit viel Aufwand dem Volk verordnet – und schließlich wieder abgeschafft. Mit Erfolg hat Heger in der Zeit für Konsistenz gesorgt, indem wir G8 taten, ohne G9 zu lassen – und damit dem CJD Oberurff zu einem prägenden Alleinstellungsmerkmal verholfen. In der Folge erlebte das CJD Oberurff eine bis dahin ungekannte Nachfrage. Ganze Regionen begannen ihre Kinder nach Oberurff zu schicken. Sogar neue Busverbindungen entstanden in der Folge.
  • CJD-UPDATE, Onlinemagazin des CJD Oberurff: Um 2005 herum begann sich im Internet das Bloggen zu etablieren. Die Massenmedien – damals vor allem Druck-Erzeugnisse – entdeckten zunehmend das Internet als neue Plattform. Im Janur 2005 verkündete Winfried Heger auf die Anfrage eines Kollegen3, ob man nicht ein schuleigenes Onlinemagazin starten sollte, diesem sein legendäres „MACH MAL“. Seitdem dokumentieren über 1’950 Artikel den Schulbetrieb und freie Gedankenäußerungen von Onlineredakteuren. Auch CJD-UPDATE wurde zum Alleinstellungsmerkmal des CJD Oberurff. Immer mehr Eltern finden „über das Internet“, also auch über unser Onlinemagazin, das CJD Oberuff als die richtige Schule für ihre Kinder.
  • Handyordnung: In den ersten Nullerjahren war vor allem Bayern das Bundesland, das in den Schulen die Nutzung elektronischer Medien im Interesse des Kindswohls regulierte. Als erste Meldungen über Cyber-Mobbing via Handy durch die Presse gingen, wartete Heger nicht auf entsprechende Verordnungen des hessischen Kultusministeriums. Kurzerhand wurde eine Handyordnung auf den Weg gebracht, die modifiziert bis heute sowohl einen pragmatischen Umgang mit der Technik sicherstellt als auch unsere Schüler vor deren Gefahren weitgehend schützt.

ANDREAS BUBROWSKI

  1. Das Physik- und Chemie-Haus befanden sich damals in der Frühphase der Bauplanung.
  2. neben den im Interview genannten
  3. Der Verfasser.

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