Von Andreas Bubrowski

Zehn-Finger-Atemuebung am StundenbeginnSchüler üben Stille

Stundenbeginn. Türen knallen. Geschrei. Nicht so in der 9e. Totale Stille inmitten des Lärms. Alle in der Klasse tun – NICHTS. Doch, sie sitzen still und zählen. Wie es sich für Mathematik gehört. Von eins bis zehn und von zehn bis eins. Aber es ist kein gewöhnliches Zählen, sondern ein Nachfolgen der Atmung:

Einatmen-lassen, aus-atmen-lassen – EINS. Einatmen-lassen, ausatmen-lassen – ZWEI … Bis ZEHN. Dann alles zurück. Einatmen-lassen, ausatmen-lassen – NEUN. Einatmen-lassen, ausatmen-lassen – ACHT … Bis EINS …

Zehn-Finger-Atemuebung am StundenbeginnSymbol der Stilleübung

Michael (Namen geändert) bekommt auch nach Wochen des Übens manchmal noch plötzlich einen Lachkrampf. Lisa findet das noch immer „strange“, wartet, bis es vorbei ist. Und Dora meint gar, Unruhe und Stress würden viel mehr für Konzentration und Leistungsvermögen sorgen. Doch Janis setzt sich nun immer sofort zu Stundenbeginn aufrecht hin, schließt die Augen, ist hochkonzentriert. Dasselbe bei Anja und Lukas. Alle sind still und auf die eine oder andere Art KONZENTRIERT. Eine Atmosphäre voller Respekt und Achtsamkeit. Fast wie in einer Kirche zu Beginn des Gottesdienstes. Man ist rücksichtsvoll. Wem ein lautes Geräusch passiert, hebt entschuldigend die Hände.

Nach gut zwei Minuten ist es vollbracht. Zehnmal ein- und zehnmal ausatmen. Inzwischen ebbt auch der Lärm draußen ab. JETZT Begrüßung. In der Stille klingt das „Guten Morgen“ kraftvoll und stark. Optimale Power, um Gleichungen höherer Ordnung zu lösen oder quadratische Funktionen zu bestimmen.

Zauberei, das alles? Schräger Psychokram? Keineswegs. In China und Indien kennt man seit Jahrtausenden die wirk- und heilsame Technik, mittels bewusster Atmung zu höchster Konzentration zu gelangen. Der Westen ist ein paar tausend Jahre später auch dort angekommen. Manager lassen sich für viel Geld von Entspannungspädagogen in dieser Technik trainieren. Die moderne Medizintechnik hat wissenschaftlich nachgewiesen: solche Übungen aktivieren besonders die linke Hirnhälfte. Also die rationale, logisch denkende Seite unseres Ichs.

Zehn-Finger-Atemuebung am Stundenbeginn

Der „Sound of Silence“ macht den Unterricht spürbar effektiver. Früher dauerte es oft fünf oder mehr Minuten, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Heute ist es zumeist nach zwei Minuten der Stille vollbracht. Neulich sollte die Übung ausfallen. Aus Zeitgründen. Als aber der Mathelehrer gerade mit dem Unterricht beginnen wollte, ließen ihn lauter enttäuschte Gesichter einhalten. Maren fragte nur, „Und die Stille-Übung?“ Ok. Stille-Übung. Übrigens: der immer irgendwie hektische Mathematiklehrer macht natürlich mit. Und es schadet ihm wirklich nicht.

(Fotos: Andreas Bubrowski)