Ratgeber, Schule

Im Interesse des Kindswohls dem Zeitgeist hier und da widerstehen

Nicht ohne mein Smartphone. Symbolbild:Foto: A. Bubrowski/CJD Oberurff
Zeitgeist: Nicht ohne mein Smartphone. Symbolbild (BUB)

Bei einem Elterngespräch schlägt der Lehrer den Eltern vor, ihrem Kind, Schüler der 5. Klasse, nicht länger ein Smartphone mit in die Schule zu geben. Mama und Papa nehmen den Vorschlag begeistert auf. Das Kind – nicht gerade erfreut, aber einsichtig – willigt ein. Eine Maßnahme, um die wechselnde Konzentrationsfähigkeit des Schülers positiv zu stabilisieren. So einfach kann es sein, einmal dem Zeitgeist zu widerstehen, und so nützlich für das Kindswohl.

Wider den Zeitgeist: ausgeruht und erwartungsvoll zum Unterricht

Nach dem Wechsel auf das Gymnasium des CJD Oberurff war Klaus (Name geändert) von Anfang an ein sehr guter Schüler. Aber nach wenigen Monaten ließ die Mitarbeit im Unterricht nach. Das erste Halbjahreszeugnis auf der neuen Schule war „gut“, aber eher „noch gut“. Was war los?

Szenenwechsel. In einer Debatte mit Schülern einer zehnten Realschulklasse, also etwa 16-jährigen Teenagern, äußerten sich viele von ihnen, angesprochen auf das Verhalten der „Kleinen“, geradezu entgeistert. Die Fünftklässler würden sich ziemlich respektlos gegenüber älteren Schülern verhalten. „Das war bei uns damals völlig anders“, also vor etwa fünf Jahren. Besonders stach den Schülern ins Auge, dass die Fünftklässler ständig mit dem Handy beschäftigt seien, unmittelbar bis Unterrichtsbeginn um 8.15 Uhr und sofort wieder nach Schulschluss, 13.10 Uhr. „Die reden gar nicht mehr normal miteinander oder spielen nicht draußen zusammen.“ Eine Schülerin meinte sogar: „Ich werde meinen Kindern in dem Alter KEIN Handy geben.“ Wie gesagt – das sagen Zehntklässler, von Vertretern der IT-Industrie gern als „Digital Natives“ umschmeichelt.

Nativ haben Fünftklässler nichts mit „Followern“ am Hut, es sei denn WIR führen sie hin.

Traf man bisher Klaus auf dem Weg zur ersten Stunde auf dem Campus, dann waren Kopf und Oberkörper meist leicht vorgebeugt, der Blick gebannt auf das Display seines Smartphones gerichtet. Manchmal waren zusätzlich Kopfhörer in den Ohren. Zu Beginn der ersten Unterrichtseinheit hat er – wie viele seiner Mitschüler – bereits eine Stunde lang oder länger Tausende Bild- und Toneindrücke mental und emotional aufgesogen. Die neuronale Verarbeitung läuft zwangsläufig noch. Kein noch so lebendiger Unterricht kann mit den suggestiven Farben, Tönen und einem erregenden Ablauf eines Computerspiels mithalten. Nach einer Stunde Hochkonzentration und Aufregung ist Klaus zu Unterrichtsbeginn – natürlich – eher erschöpft. Im Büro würde es jetzt Kaffeepause geben.

Was geht es die Schule an, wie Eltern ihre Kinder mit Elektronik ausstatten und was die Kinder dann damit alles so anstellen? Das ist Privatsache. Eine bequem anmutende, wenn rein juristisch vermutlich auch korrekte Haltung. Aber Klaus’s Mama erklärt im Elterngespräch, warum das dennoch hilfreich ist, wenn Schule und Lehrer „strenge Vorgaben“ haben und diese auch konsequent durchsetzen: „Den Eltern wird eben nicht so viel geglaubt wie der Schule.“ Ein Satz, den jeder Lehrer mit Ehrfurcht erfüllen sollte. Und indirekt mag man an dem „Einzelfall“ erkennen, dass die Fürsorgeverantwortung von Schule auch – und das im nicht geringen Ausmaß – über Schule hinausgeht.

Zeitgeist (jugendfrei!): MEIN TELEFON1

Telephone Official Short Version from pjayy on Vimeo.

Klaus, seine Eltern und sein Mathematiklehrer haben unter anderem vereinbart, dass Klaus ab sofort sein Smartphone daheimlässt. Jetzt kann er wieder „ungebeugt“ vom Bus zum Klassenraum laufen und bekommt zwischendurch vielleicht sogar das Frühlingsgezwitscher auf dem Campus mit. Klaus hat verstanden – das ist kein Verbot, sondern eher eine Erlösung vom Zwang, etwas tun zu müssen, was alle tun. Fünftklässler verstehen so etwas schon. Und sie reagieren unmittelbar – einsichtig. Das schicke Handy gibt es jetzt eine Stunde am Nachmittag. Und zur ersten Stunde ist Klaus ausgeruht und erwartungsvoll für einen hoffentlich inspirierenden Unterricht. ANDREAS BUBROWSKI

Linksunten: Ärzte warnen vor Smartphone-Nacken

  1. Gänzlich ausgeklammert an der Stelle: nachteilige Wirkung des Konsums fragwürdiger INHALTE. Irgendeiner hat immer einen Handyvertrag, kann aus seinem Handy einen Hotspot machen und alle mit „Qualitätswerten“ versorgen.

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