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Mathematik-Praxis: Ungerechtigkeit abschaffen, die es gar nicht gibt?

Spickzettel - hilfreiche Lerntechnik in Mathematik | Foto: A. Bubrowski/CJD Oberurff
Spickzettel (hier einer fünften Klasse) – hilfreiche Lerntechnik in Mathematik.

Die nahende Bundestagswahl macht für den Mathematikunterricht den Klassenraum zum „außerschulischen Lernort“. Denn alle relevanten Parteien (alphabetisch) SPD, FDP, DIE LINKE, CDU, BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN, AFD operieren in ihrer Wahlwerbung auf die eine oder andere Weise mit ZAHLEN. In einer solchen Wahlwerbung heißt es: „Mehr soziale Gerechtigkeit! Abschaffung der Abgeltungssteuer.“ Eine solche „Ungerechtigkeit“ gibt es aber gar nicht, wenn man mal mit etwas Realschul-Mathematik nachrechnet.

Boa, wie ungerecht ist das denn oder doch nicht?

„Mehr soziale Gerechtigkeit! Abschaffung der Abgeltungssteuer“ hört sich plausibel an, auch wenn die wenigsten wissen dürften, was eine „Abgeltungssteuer“ eigentlich ist. Die Abgeltungssteuer ist eine Steuer von 25 Prozent auf Zinsen und Dividenden1. Die Abgeltungssteuer betrifft also vor allem erfolgreiche Unternehmer, von denen ja in der Region der eine oder andere seine Kinder dem CJD Oberurff anvertraut.

Demgegenüber liegt der Höchstsatz bei der Einkommenssteuer bei 42 Prozent beziehungsweise 45 Prozent2. Im Klartext: Während ein gut verdienender Angestellter 42 Prozent seines Gehalts an den Staat abführen muss, hat der erfolgreiche Unternehmer nur 25 Prozent auf seine Gewinne zu entrichten. Boa, wie ungerecht ist das denn – zumindest auf dem ersten oberflächlichen Blick. Bei genauer Betrachtung stellt sich aber heraus, dass der Unternehmer BEVOR er ein Viertel seiner Dividenden/Gewinne an das Finanzamt überweist, bereits als Unternehmen Körperschaftssteuer und Gewerbesteuer bezahlen musste. Beides zusammen kann – je nach Ort – etwa 30 Prozent betragen. Es gibt also gar keine soziale Ungerechtigkeit in dem Zusammenhang, der Unternehmer zahlt NICHT signifikant weniger Steuern. Arbeitseinkommen werden also NICHT „ungerechterweise“ höher besteuert als Einkommen aus Kapital

Machen wir eine Sachaufgabe daraus: Angenommen, eine GmbH hat einen Gewinn von 1003 erwirtschaftet. Davon sind 30 Prozent für Steuern abzuziehen. Auf den Rest, also 70, entfällt derzeit die Abgeltungssteuer (inkl. Soli) von rund 26,4 Prozent. Bezogen auf den ursprünglichen Gewinn ergibt das eine weitere Steuerlast von 18,84 Prozent, ergibt also einen Gesamtsteuersatz von etwa 48,5 Prozent, wenn man die Steuern des Unternehmens und des Unternehmers zusammenzählt.

Warum machen Parteien so etwas?

Dazu im Vergleich: Eine Privatperson zahlt in der höchsten Progressionsstufe einen Steuersatz von 45 Prozent zuzüglich Soli, also – Pi mal Daumen – 3,5 Prozent, aber WENIGER! Von einer Ungerechtigkeit, die es endlich abzuschaffen gilt, kann also KEINE REDE sein. Warum machen Parteien so etwas? Der Frage könnten Eltern mit ihren Kindern einmal nachgehen. Wir Mathematiker halten uns natürlich mit Interpretationen oder gar Namensnennung zur Partei mit der Forderung nach Abschaffung einer fiktiven Ungerechtigkeit zurück, freuen uns aber über den Beweis, dass man „Mathe“ sehr wohl im Leben gebrauchen kann, und sei es alle vier Jahre zur Wahl. ANDREAS BUBROWSKI

  1. Herrliche Gelegenheit, in Mathematik einen PoWi-Bezug herzustellen und kurz zu erarbeiten, was eine „Dividende“ ist. Zinsrechnung steht ansonsten erstmalig in der Jahrgangsstufe 7 auf dem Lehrplan.
  2. so genannte Reichensteuer
  3. Auf die im Mathematikunterricht stets geforderte Einheiten-Angabe wird hier bewusst verzichtet, da sie irrelevant ist. Ob es sich nun um 100-Tausend oder 100-Millionen Euro handelt, hat auf die prozentuale Betrachtung keinen Einfluss.

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