Politik & Gesellschaft

17. Juni – ehemals Tag der Deutschen Einheit: Wieso, weshalb, warum?

SNAP mit „The Power“, Nummer drei der deutschen Charts im Jahr der Deutschen Einheit – 1990.

Mit dem Tod von Helmut Kohl1, dem „Kanzler der deutschen Einheit“, einen Tag vor dem einstigen „Tag der Deutschen Einheit“, dem 17. Juni, dürfte auch für die Schülergeneration das Interesse an der jüngeren deutschen Geschichte – zumindest vorübergehend – in den Mittelpunkt des Interesses rücken.

17. Juni – bis 1990 Tag der Deutschen Einheit

Erstaunlicherweise finden viele Schüler selbst der Mittelstufe Popmusik der 1980er Jahre „cool“. Es ist etwa von Referaten über Bands wie AC/DC zu hören. Leider erfahren historische Ereignisse jener Zeit nicht ansatzweise eine vergleichbare Rezeption. Das ist bedenklich. Denn wer seine eigene Geschichte nicht kennt, kann nur schwer aus möglichen Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Hintergründe für den „Tag der Deutschen Einheit“, der bis vor 27 Jahren Staatsfeiertag war, verdienen es daher, einmal in den Fokus jugendlichen Interesses gerückt zu werden.

Griff nach der Freiheit – Der Aufstand vom 17. Juni

© ARD

Bis 1989 ist der 17. Juni in West-Deutschland Feiertag und Gedenktag2. Für viele Menschen der Generation „ü40-West“ ist der „Tag der Deutschen Einheit“ als Feiertag kurz vor den Sommerferien in Erinnerung geblieben. 1989 lag das Jahr 1953 schon 36 Jahre zurück. Der 17. Juni war inzwischen vor allem willkommene Gelegenheit für ein langes „Brückentag-Wochenende“. Anders Deutsche im Osten. Die durften damals nur hinter vorgehaltener Hand über den „Tag der Deutschen Einheit“ sprechen. Denn für die herrschende SED-Diktatur3 war das politisch korrekte Narrativ des Westens zum 17. Juni 1953, der „Volksaufstand“, schlicht und einfach „Hetze“, staatsfeindliche Hetze. Und darauf stand lange Zuchthaustrafe. Dennoch ließen die DDR-Deutschen sich die gewährte Freiheit des uneingeschränkten „Westfernsehens“ nicht nehmen. Aufmerksam verfolgten sie daheim beim Feierabendbier die Reden der BRD-Politiker zum Tag der Deutschen Einheit. Was aber war am 17. Juni 1953 eigentlich passiert?

Gesamtdeutsche Demokratie und Meinungsfreiheit

Helmut Kohl empfängt Erich Honecker 1987 in Bonn. Foto: Bild 183-1987-0907-017 / Oberst, Klaus / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv

Ausgerechnet SED-Elite-Arbeiter begannen am 16. Juni 1953 in Ost-Berlin nach in ihren Augen unverschämter Erhöhung der vorgeschriebenen Arbeitsnormen durch die SED-Herren die Arbeit niederzulegen und sich zu einem Streik-Marsch durch Ost-Berlin zu sammeln. Facebook und Twitter gab es noch nicht – dafür aber den allseits beliebten Radiosender RIAS4 in West-Berlin. Der griff die Informationen über zunächst rein wirtschaftlich motivierte Unruhen auf und verbreitete die frohe Botschaft eines Volksaufstandes der Arbeiter gegen die Arbeitervertreter – als solche sah sich die SED-Diktatur. Einem Strohfeuer gleich fassten sich daraufhin am Folgetag, dem 17. Juni, Arbeiter und Angestellte in vielen Orten der „Ostzone“5 ein Herz und begannn ebenfalls zu streiken – jetzt aber eher politisch motiviert. Gefordert wurden nun auch Freiheit und Demokratie. Die überrumpelte SED-Führung rettete sich unter die Fittiche der Sowjetarmee. Nach wenigen Stunden war die Lage wieder weitgehend unter Kontrolle. „Anführer“ wurden verhaftet, verhört, teilweise gefoltert und zu drakonischen Zuchthausstrafen verurteilt. Es gab auch Todesurteile. Wer konnte, flüchtete nach West-Deutschland.

Es sollte noch bis November 1989 dauern, bis die Menschen im Osten wieder aufstehen würden – dieses Mal mehrheitlich, um sich der „alternativlosen politischen Korrektheit“, wie sie die SED-Diktatoren unter Gewaltandrohung befahlen, zu widersetzen, ihren gesunden Menschenverstand zu aktivieren, Zivilcourage zu entwickeln und – das inzwischen auch äußerlich marode – DDR-System hoffnungsvoll durch gesamtdeutsche Demokratie und Meinungsfreiheit zu ersetzen. Die Hoffnung von 1989 könnte man als den vielleicht wichtigsten Aktivposten des Erbes an unsere Jugend sehen. ANDREAS BUBROWSKI

  1. 1930-2017
  2. 1990 wurde der 17. Juni letztmalig zelebriert, dieses Mal in Ost- UND West-Deutschland. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 wurde dieses Datum als Pendant zum 17. Juni als Staatsfeiertag eingeführt.
  3. SED: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, gegründet 1946 im Zuge der Zwangsvereinigung von KPD und SPD in den deutschen Ostsektoren. Die SED verstand sich als marxistische Partei und installierte in Ost-Deutschland bis zum Mauerfall 1989 nach sowjetischem Vorbild eine „Diktatur des Proletariats“ (offizielle Sprachregelung); die Partei DIE LINKE gilt als „rechtsidentisch“ mit der SED.
  4. RIAS: Rundfunk im amerikanischen Sektor; der RIAS war Kult und fast in ganz Ost-Deutschland zu empfangen.
  5. Die DDR wurde von der westdeutschen BRD völkerrechtlich nicht als Staat anerkannt. Um ihre Geringschätzung gegenüber der DDR verbal auszudrücken, wurde vor allem von einzelnen Politikern der – damals – konservativen Parteien, wie CDU/CSU, das Staatsgebiet der DDR gelegentlich gern als Ostzone tituliert.

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