Von Andreas Bubrowski
Können Schüler so naiv sein, sich für eine einfach gestrickte, amateurhaft gemachte und leicht durchschaubaren Geschäftsidee einspannen zu lassen :? Auch in Oberurff sprechen Schüler leise darüber. Kein Wunder, wird doch im Web darüber geschrieben und breit darauf verlinkt:
Kritik üben, Danke sagen und Vorschläge machen – die Art und Weise, in Oberurff zu „voten“ (Bild: Andreas Bubrowski)
Eine Seite, auf der man Lehrer benoten kann. Das Angebot der Voting-Seite ist aber so wenig „… ein Projekt von uns für Euch,“ – so der banale Lockruf der Betreiber – wie „Dr. Sommer“ von Bravo Arzt oder Sexualtherapeut ist oder jemals war. Es geht ums Geld. Schon sind die drei im Impressum genannten Macher der Seite am Gründen einer GmbH.
In Köln gab es gerade einen Prozess, bei dem eine Lehrerin das Ende der Benotung ihrer Person durch Schüler auf der Seite erwirken wollte. In erster Instanz scheiterte sie. Freudig erregt vermerken dazu die Seitenbetreiber:
Schüler dürfen Lehrer auf Spickmich benoten!
- KEIN Lehrer darf euch das verbieten
- KEIN Schuldirektor Euch deshalb ermahnen
- aber ALLE Schüler sollten dabei sein, damit jetzt auch die Lehrer eine faire Note für ihre Leistungen bekommen!
Angeblich haben die Schüler JETZT ENDLICH die Gelegenheit, es den Lehrern heimzuzahlen. Aber was heimzahlen? Was soll daran fair sein? Gerade die letzten Tage gab es wieder Zensurenkonferenzen zum Schuljahresende. KEIN EINZIGER Schüler wurde dabei pauschal benotet. Hinter jeder Note stecken umfangreiche Abstimmungen und intensives Ringen. Selbst bei Schülern, die unsere Schule verlassen müssen, wird noch ausgiebig geprüft, ob und wie man die Chancen für die Zeit nach Oberurff verbessern kann. Weit und breit kein simples Bewerten per Mausklick, das man „heimzahlen“ müsste.
Vertrauenslehrer Dr. Jörg Huber (Bildmitte). Ihn kann man vertraulich um Unterstützung bitten, etwa wenn einmal in der Kommunikation mit einem Lehrer nichts mehr zu gehen scheint (Foto: Heiko Cunz)
Die Geschäftsleute von Spickmich scheinen zudem schon so alt zu sein, dass SOZIALE KOMPETENZ noch nicht Thema an ihren Schulen war. Sonst würden sie sich kaum outen, dass es ihnen beim Beurteilen von Menschen ums SPASS HABEN geht:
Wir alle hätten gerne eine solche Plattform zu unserer eigenen Schulzeit gehabt – Euch viel Spaß damit!
Wie heißt es in einem Hit von Fanta4 treffend – Wenn wir schon fallen, dann fallen wir wenigstens auf.
Denn Auffallen im Web bringt Geld. Nicht um eine Verbesserung des Schulsystems geht es, nicht um revolutionäre Erhebungen unterdrückter Schülermassen gegen despotische Lehrer. Und schon gar nicht um Gerechtigkeit und Harmonie. Es geht um möglichst viele Klicks und ein Maximum an registrierten Usern.
Hat man erst einmal die Stamm- und Bewegungsdaten – und damit persönliche Verhaltensprofile – von ein paar hunderttausend Benutzern eingefangen, kann man auf vielfältige Weise damit Geld verdienen. Zum Beispiel wird man fast automatisch zum begehrten Übernahmeobjekt eines Großkonzerns, zumeist aus der Medienbranche. Um mit einem Schlag an hunderttausende persönliche Daten zu kommen, geben die Konzerne in der Regel um ZWEI- oder DREISTELLIGE Millionenbeträge aus (*). Geniale Idee – den gerechten Racheengel mimen, und mit dem Frust von Schülern und Lehrern den schnellen Euro machen :et.
Wer sich nicht von Web2.0-Geschäftemachern instrumentalisieren lassen möchte und dennoch seine Meinung über einen Lehrer äußern mag, der macht das am besten direkt. Lob ist kein Schleimen und freut jedes gestresste Lehrerherz natürlich sehr. Und sachliche Kritik lässt ihn – in der Regel – einhalten und nachdenken. Offene Kommunikation ist das Zauberwort – das ist zumindest die Kultur in Oberurff. Und alles ohne Online-Registrierung ;).
(*) Anm. d. Redaktion:
Das Portal StudiVZ zeigt, wie es gehen kann. Das Portal, die simple Kopie einer amerikanischen Vorlage, wurde 2005 in Berlin von einem dubiosen Geschäftsmann online gestellt. Zunächst mit wenig Resonanz. Nach Berichten in Berliner Radiosendern explodierten die Anmeldungen. 2007 wurde das Portal von einem großen Zeitungsverlag für einen – wie es heißt – zweistelligen Millionenbetrag gekauft. Der Betreiber geriet kurz darauf in die öffentliche Kritik. Ein Grund: Missbräuchlicher Umgang mit Daten, der zu Belästigungen weiblicher Mitglieder führte, außerdem wird vermutet, dass von den angeblich 1.000.000 registrierten Usern ein Großteil Karteileichen sind. Die Medienbranche spottete über den Deal. Denn die Missstände kamen ERST ans Licht, nachdem die Kaufsumme bereits überwiesen war.
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2,50 Euro | Bezug: Jugendbibliothek
So geht es:
SPIEGEL-online über Daten-Missbrauch bei dubiosem Studi-Portal
Wer solchen Portalen sein Vertrauen und seine persönlichen Daten anvertraut, wird früher oder später für die “coole” Geschäftsideee blechen dürfen.